Eisige Action und viel Gefühl
Strahlend weiß und spiegelglatt, so wurden die rund 120 Starter aus zehn Nationen am Wochenende von ihrem tiefgekühlten Geläuf zur Europameisterschaft der Islandpferde empfangen. Unter dem Titel „icehorse2010“ fand diese im Horst-Dohm-Eisstadion in Berlin statt, und einmal mehr waren auch mehrere tausend Zuschauer der Einladung zu diesem eisigen Highlight gefolgt.
Unter der Leitung von Carsten Eckert und Bernhard Fliß sowie in Zusammenarbeit mit dem engagierten Team der Berliner Islandpferde Freunde (BIF e.V.) erlebte dieses Turnier bereits seine vierte Auflage, und dank unzähliger Plakate und intensivem Medien-Echo vor Veranstaltungsbeginn wusste dann auch vom örtlichen Tankwart bis zur Bäckersfrau tatsächlich jeder etwas mit dem Thema Islandpferde anzufangen.
Freitag früh herrschte zunächst ganz allgemein noch die Ruhe vor dem Sturm. Ab und zu begegnete man auf seinem Rundgang über das Gelände der einen oder anderen müde blinzelnden Gestalt, die trotz z.T. weiter Anreise und wenig Schlaf in der vorangegangenen Nacht aber sofort voller Begeisterung von der Vorfreude auf’s Turnier erzählte. Recht so … der Winter war immerhin lang genug, und trotz weiteren Schneefalls sollte es auf der Berliner Eisfläche nun endlich mit dem Turniersport losgehen.
Toll sieht das aus, wie die Teilnehmer schon im Training geradezu rasant über das Hauptstadt-Eis flogen … Thermometer und Niederschlag völlig egal. Es machte jedenfalls ganz viel Spaß, ihnen allen zuzuschauen – egal ob Wikinger-Profi oder Nachwuchs-Amazone!
Die Vorentscheidung der T1 zeigte dann auch bereits eine Vielzahl starker Ritte auf allerhöchstem Niveau. Die Beste war dabei Frauke Schenzel: von blitzsauber vorgetragenem langsamem Tölt über die klar akzentuierten Tempounterschiede und ein schwungvolles starkes Tempo zeigte sie auf ihrem stolzen Fuchs Tigull vom Kronshof genau das, was Publikum und Richter sehen wollen. 7,80 Punkte waren ihr verdienter Lohn. Direkt dahinter: Karly Zingsheim, der seinen Schimmel Dagur prima vorstellte und 7,63 Zähler einsammelte. Dritter nach dem Vorentscheid war Uli Reber, der Titelverteidiger in dieser Disziplin aus dem Vorjahr in Haarlem, auf seiner Stute Urður frá Gunnarsholti (7,43).
Auch die Töltprüfung T2 bot den Zuschauern in Horst-Dohm-Eisstadion richtig schöne Bilder, und sie endete mit der Führung von dem in Dänemark ansässigen Isländer Agnar Snorri Stefánsson auf dem besonders im dritten Aufgabenteil beim “Zügelüberstreichen” in wunderschöner freier Haltung glänzenden Gaukur frá Kilhrauni. Die beiden erhielten 7,50 Punkte, Westfalen-Wikinger Högni Fróðason wurde Zweiter (7,27), Florian Lanz und sein Fuchsfalbhengst Skörungur frá Eyrarbakka landeten auf Rang 3.
Frauke Schenzel & Fannar frá Kvistum zeigten gleich zu Beginn des Fünfgangs eine starke Leistung, die Messlatte wurde für sie und die weitere Konkurrenz dann allerdings von Siggi Óskarsson sehr hoch gelegt hat: nach einem furiosem Ritt auf dem Fuchsschecken Meitill frá Kjarnholtum übernahm er mit 7,90 Punkten die Führung. Punktgleich dahinter: Beggi Eggertsson und Agnar Snorri Stefánsson (7,37) vor der Lokalmatadorin und amtierenden Deutsche Meisterin im Fünfgang, Vicky Eggertsson auf Kvikur vom Barghof (7,30). Stark unterwegs auch Karly Zingsheim auf dem Rappscheckhengst Atli frá Norður-Hvammi. Dieser war bereits aus zahlreichen erfolgreichen Auftritten unter Jens Füchtenschnieder bekannt; mit dem IPZV-Präsidenten im Sattel gab’s 7,20 Punkte in der F1-Vorentscheidung.
Starke Leistungen sah das Publikum trotz des meistens recht trüben Wetters auch im Viergang – nachdem diese Kombination tags zuvor bereits im Töltpreis mit 7,80 Punkten den Platz an der Sonne erobert hatte, ging es für Frauke Schenzel und ihren Tigull vom Kronshof erneut hoch hinaus. Mit 7,77 Punkten gingen die beiden zwischenzeitlich in Führung und lagen damit vor der Tölt-Weltmeisterin von 2001, Anne Balslev aus Dänemark mit Sæli frá Holtsmúla und Carola Nick mit Telse vom Uhlenhof.
In der letzten Gruppe des Viergangs – inzwischen erstrahlte der Hauptstadt-Himmel in herrlichem Azurblau – knackten Agnar Snorri Stefánsson und die zauberhafte Mist van de Waaldijk (Viergang-Titelverteidigerin aus dem vergangenen Jahr in Haarlem, damals bei Horses on Ice unter Jessie Huijbers) doch noch die Spitzennoten von Frauke und Tigull und übernahmen mit 0,03 Punkten Vorsprung (7,80) die Führung. Dritter wurde Uli Reber nach einem im Tölt wie auch bei den Tempounterschieden im Trab gut ausbalancierten und schwungvollen Ritt auf Urður frá Gunnarsholti (7,43).
Einen besonderen Glückwunsch verdienten sich zwischenzeitlich die besten „Young Riders“ der icehorse2010 – die Sieger in der Vier- und Fünfgangkombination. Bei den viergängig vorgestellten Pferden ging der Pokal samt großzügig gestifteter Sachpreise von Hauptsponsor TopReiter an Sophia Humpert aus Berlar, die mit ihrem Garri frá Sigmundarstöðum geglänzt hatte und sogar im A-Finale der V1 stand. In der Fünfgang-Wertung triumphierte unterdessen eine der erfolgreichsten jungen Reiterinnen aus Bayern: Lisa Schürger mit Tign frá Horni.
Nach einer schönen Darbietung der Kinder und Jugendlichen des Eiskunstlaufvereins BSV 92 e.V. zu Beginn des Abendprogramms der icehorse2010 erlebten die Zuschauer einen äußerst stimmungsvollen Einmarsch aller Teilnehmer – tolle Bilder vor großer Kulisse! Die Reiter hatten dabei ihre Nationalflaggen geschultert, gleichzeitig wurden sie von Fackelträgern und abermals den Eiskunstläufern begleitet. Feuer und Eis, harmonisch vereint!
Agnar Snorri Stefánsson gewann anschließend nach einem ausgesprochen harmonischen Vortrag auf Gaukur frá Kilhrauni die Töltprüfung T2 (8,00) und wurde damit erster Europameister des Abends. Florian Lanz holte Silber auf seinem Fuchsfalben Skörungur frá Eyrarbakka, und die Bronzemedaille geht – für viele Beobachter gewiss überraschend, trotzdem aber völlig verdient – an Vera Bothe aus dem Münsterland für ihren beherzten Ritt auf Stígandi frá Kópavogi.
Die anschließende T1 endete mit einer wahren Wimpernschlag-Entscheidung – extrem starke Ritte sowohl vom Gewinner und Europameister Karly Zingsheim auf Dagur (7,98) wie auch von Frauke Schenzel auf ihrem Tigull vom Kronshof, die nur 0,06 Punkte dahinter landete und damit Vize-Europameisterin wurde. Bronze ging an Agnar Snorri Stefánsson, der damit abermals auf dem Treppchen Platz nehmen durfte.
Atemberaubend schön in der Folge das Schaubild des Gestüts Wiesenhof von Familie Podlech. Moderiert von Stefanie Plattner, zeigten Annika König, Eric Winkler, Karolin Streule und Claudia Zeiger sowohl eine Freiheits-Dressur wie auch eindrucksvolle Gang-Demonstrationen (inkl. Rennpass ohne Sattel und Zaumzeug) und ein Schaubild im Stile der “Ungarischen Post”. Große Klasse.
Es folgte der Fünfgang, den Siggi Óskarsson nach einer absolut überzeugenden Weltklasse-Leistung seines 18-jährigen Fuchsschecken Meitill frá Kjarnholtum für sich entscheiden konnte. Publikum und Richter zog der kleine Isländer mit einer großen Portion „Spirit“ in seinen Bann – 8,24 Zähler waren dafür sein verdienter Lohn! Rang 2 ging an Beggi Eggertsson (Gosi frá Glóru), und über die Bronzemedaille durfte sich Frauke Schenzel bei ihrem erst zweiten Turnierstart mit dem Nagli-Sohn Fannar frá Kvistum freuen. Ein tolles Finale!
Schwungvoll und ausdrucksstark war in der Folge der Auftritt der Lótushof-Quadrille – rund 10 Minuten lang dominierten die mit Islandflaggen und typisch isländischer Tracht geschmückten 20 Reiterinnen und Reiter des Hofes von Vicky und Beggi Eggertsson das Geschehen, und das Berliner Publikum spendete der Truppe reichlich Beifall.
Nach mehreren Besuchen auf dem Silber- und Bronze-Treppchen in ihren anderen beiden Disziplinen erklomm Frauke Schenzel zuguterletzt die oberste Stufe. Für eine blitzsaubere Leistung auf Tigull vom Kronshof im Viergang gewann das Islandpferde-As aus der Lüneburger Heide Gold und damit einen der heiß begehrten Europameistertitel.
Zum Schluss des Programms – last but not least – wurde Styrmir Árnason neuer Europameister im Speedpass. Auf seinem pfeilschnellen Scheckhengst Borgar frá Eyrarbakka gewann er diese spannende Prüfung in unwesentlich mehr als sechs Sekunden über die Mess-Strecke von 70 Metern knapp vor der Hildesheimer Juniorin Jana Eiselt mit ihrem Öðlingur frá Lindarholti. Die Bronzemedaille holte sich Lokalmatadorin Anne-Katrin Irmscher auf Sómi frá Ásmundarstöðum. Speed pur!
Es war eine richtig schöne Europameisterschaft 2010, ein tolles Gemeinschafts-Erlebnis. Weitere Berichte und die Videos sämtlicher Prüfungen gibt‘s ebenfalls online auf www.isibless.de.
Text: Henning Drath / Fotos: Henk Peterse
2010













